Auszug aus meiner Arbeit

  

Da stehe ich nun unmittelbar vor einem Erstgespräch mit einem Angehörigen nach Suizid. Im Köfferchen habe ich eine solide Ausbildung zur Krisenbegleiterin, besitze Kenntnisse in der Gesprächsführung, kenne die Praxis des aktiven Zuhörens, habe Lebenserfahrung und Berufserfahrung in der Krisen-Gesprächsführung als Personalerin usw.

 

Und dann ist alles ganz anders. Vor mir steht ein Mensch, bei dem kein Baustein mehr auf den anderen passt, wo ein großes Loch existiert, wo ein geliebter Mensch nicht mehr leben wollte und wo die Welt zusammengebrochen ist. Gedanken von Schuld und Versagen - aber auch Wut - stehen im Raum.

 

Es ist ein behutsames Herantasten gefragt, um die notwendigen nächsten Schritte herauszuarbeiten. Und es braucht enorm viel Geduld, Einfühlungsvemögen und Zeit, um kleine Meilensteine zu erreichen.

 

An manchen Terminen geht es nur um das Zuhören, um das Dasein, um das Verstehen und das Stützen. Dann kann es sein, man hilft bei praktischen Dingen, wie Behördengängen oder auch emotional belastenden Gängen zum Friedhof,  Überlegungen in finanziellen Angelegenheiten, Umgang mit Bekannten, Verwandten, Freunden.

 

Irgendwann kommen die Gedanken, wie man durch Fragestellungen die Hilfe zur Selbsthilfe anregen kann. 

 

Nach meinen ersten Begleitungen von Menschen  habe ich mir ganz bewusst die Frage gestellt, ob ich dies weiterhin kann und will. Dabei ist mir die Form der Lemniskate zur Hilfe gekommen, die mich schon sehr lange beschäftigt und erneut, seit ich Menschen in Lebenskrisen ein Stück ihres Weges begleite. Mit Menschen in Krisen in Beziehung sein, jedoch die eigene Rolle und die eigenen Bedürfnisse nicht außer Acht lassen – ein Verbindungsweg mit klaren Grenzen.

 

Jenseits der Grenzen führe ich ein buntes, bewegtes Leben mit viel Humor, Fröhlichkeit in der Familie, Kindern, Enkelkindern, mit einem ausgeprägten Bewegungsdrang in der Natur, Lu Jong, ehrenamtlicher Tätigkeit in einer Rettungseinrichtung, Meditationen, Meditationsläufe etc.

 

Und ich möchte meine Tätigkeit als Krisenbegleiterin nicht missen – immer wieder kommen Momente eines Lächelns, einem Hauch von Normalität oder sogar einer kleinen Brise von Humor in die Gesichter der Betroffenen -  und das strahlt genau in mein Herz……